Katholische Kirche im Kinzigtal - Menschen im Portrait

Folge 2: Auf einen Kaffee mit...


...Kur- und Klinikseelsorger Konrad Kammandel

Diakon und Pastoralreferent Konrad Kammandel
Diakon und Pastoralreferent Konrad Kammandel

Nach nunmehr 38 Jahren im pastoralen Dienst hätte es am 24. April soweit sein sollen und Konrad Kammandel hätte sich im Kreise von vielen Weggefährtinnen und Weggefährten in den Ruhestand verabschiedet. Doch leider kam die Corona-Krise dazwischen, so dass die Verabschiedung erst einmal vertagt werden musste. 

Seit 2008 ist er bei uns im Dekanat Kinzigtal dienstlich verortet. Seine letzten aktiven Diensttage waren sicherlich durch die Corona-Krise eine sehr besondere und herausfordernde Zeit. Mittlerweile ist er in der passiven Phase seiner Altersteilzeit angekommen. Ich selbst habe Konrad Kammandel als Dienstvorgesetzter und als Mentor in der Klinikseelsorge Gelnhausen während meiner eigenen Assistenszeit erleben dürfen und freue mich sehr darüber, dass er sich bereit erklärt hat, als zweiter Teilnehmer der Rubrik 'Auf einen Kaffee mit...' teilzunehmen.

Leider konnten wir aufgrund der Lage durch das Coronavirus das Interview nicht mehr persönlich führen aber ich habe Konrad gebeten mit einer Tasse Kaffee oder Tee ganz in Ruhe sich ein wenig Zeit für die folgenden Fragen zu nehmen. Aber lesen Sie am besten selbst...

Konrad, danke, dass du dich als zweiter Proband in der Rubrik für das Interview bereit erklärt hast. Damit wir dich zunächst etwas besser kennenlernen, kannst du uns kurz skizzieren, wie dein beruflicher Weg vor Deinem Einsatz in der Kur- und Klinikseelsorge war?

Meine erste Stelle war die Pfarrei Hl. Kreuz in Bergen-Enkheim. Ich wurde der Pfarrei vorgestellt als der neue "Pastoralassistent", wobei sich damals niemand unter dieser Berufsbezeichnung irgend etwas vorstellen konnte. Wir waren ja auch erst die zweite Generation dieses neuen Berufszweiges. Entsprechend fühlte ich mich auch verpflichtet, mich zu beweisen durch eine gute und ansprechende Kinder- und Jugendarbeit. Nach 6 1/2 Jahren wurde ich 1988 zum ersten Mal versetzt, nach Witzenhausen, in die dortige Studentenseelsorge für die überwiegend ausländischen Studierenden der Hochschule für Landwirtschaft. Dort warb mich mein Dienstvorgesetzter, Pfarrer Rudi Montag, für den ständigen Diakonat an, und am 12. Dezember 1990 wurde ich durch Weihbischof Johannes Kapp zum Diakon geweiht. Seit August 1990 war ich wieder im Süden des Bistums, in Bruchköbel tätig, von wo ich 1992 nach Langenselbold wechselte. Ab November 2001 begann ich in der Klinikseelsorge Hanau zu arbeiten, im Herbst 2008 wechselte ich schließlich in die Klinik- und Kurseelsorge Bad Orb, seit 2014 übernahm ich zusätzlich die Klinikseelsorge an den MK-Kliniken in Gelnhausen

Okay, wir würden Dich gerne noch etwas besser kennenlernen: Berge oder Meer?

Am liebsten beides. Das Meer zum Wind-Surfen, die Berge zum Wandern, Mountain-Biken und Skifahren.

Bist du ein Gefühls- oder ein Kopfmensch?

Ich glaube, eindeutig ein Gefühlsmensch.

Kaffee oder Tee?

Morgens zum Frühstück erst mal 2 Tassen Tee, ab dann Kaffee.

Bist du eher ein Morgen- oder Abendmensch?

Ich bin ein Morgenmensch. Morgenstund hat Gold im Mund.

Lieber die Tagesthemen oder die Heute-Sendung?

Die Heute-Sendung!

Und am Sonntag dann zur Prime-Time den Tatort oder doch lieber ein gutes Buch?​

Tatort! Aber die Münsteraner Ermittler lasse ich ausfallen!

Über welches Thema könntest du eine 30-minütige Präsentation halten, ohne jede Vorbereitung?

Über alles, wovon mein Herz voll ist!

Wenn Du Termine hast, bist du oftmals zu früh oder zu spät dran?

Nach Möglichkeit punktgenau!

Hast Du ein Lieblingsbuch, und warum ist es genau das?

Ich habe viele Lieblingsbücher, aber sich auf eines festlegen würde bedeuten, nicht mehr offen zu sein für Neuentdeckungen.

Was liest Du zur Zeit?

"Die heilende Kraft der Vergebung" von Konrad Stauss.

Mit welchen drei Worten würdest du dich beschreiben?

Empathisch, begeisterungsfähig, verlässlich.

Welche Jahreszeit gefällt dir am besten. Und wieso?

Das Frühjahr! Herrlich, die erwachende Natur und das wiedererwachende Leben zu beobachten!

Was macht für dich das Besondere und Lebenswerte am Kinzigtal aus?

Die Mentalität der Menschen hier, die hügelige Landschaft und die Nähe zur Großstadt.

Für Leute, die Deinen Beruf ja so gar nicht kennen: Wie schaute denn so ein typischer Arbeitstag bei Dir als Klinik- und Kurseelsorger aus?

In der Regel war ich morgens um 9.00 h im Krankenhaus, habe zunächst die aktuelle Patientenliste eingesehen und mir die Namen der Patienten herausgeschrieben, die ich persönlich kannte oder erneut besuchen wollte, da im Erstkontakt der Wunsch nach einem weiteren Besuch geäußert worden war. An jedem zweiten Tag besuchte ich die Schlaganfall- und Intensiv-Station und bot Patienten meine Begleitung an. Nach 3-4 guten Patientengesprächen machte ich eine Pause, trank einen Kaffee und machte mich dann erneut auf den Weg zu den Patienten. Nach 8-10 guten Patientenkontakten begann mir der Schädel zu brummen und es war Zeit, all die Schicksale, die ich gehört hatte, in der Kapelle im Gebet kurz Gott zu übergeben. Psychohygiene und die Einteilung der Kräfte sind in dieser Tätigkeit enorm wichtig.
Nach dem Mittagessen im Krankenhaus fuhr ich weiter ins Büro der Kur- und Klinikseelsorge Bad Orb, wo ich nach Sichtung der dortigen Patientenanfragen bzw. der ärztlichen Hinweise auf bedürftige Patienten diese zum Gespräch aufsuchte. Die Vorbereitung von Gottesdiensten oder Kurveranstaltungen sowie der Austausch mit der evangelischen Kollegin in wöchentlichen Dienstbesprechungen machten jeden Tag abwechslungsreich und bunt.

Du hast in Deinen Jahren sehr viel erlebt. Wie hat sich für Dich das Bild vom Seelsorger durch die Jahre hindurch verändert?

Diese Fragestellung suggeriert, als ob es ein allgemeingültiges Seelsorgerbild gäbe. Das gibt es Gott sei Dank nicht. Vielmehr habe ich mich verändert, weg vom Anspruchsdenken, ein Seelsorger habe so und so zu sein, hin zu meinem Verständnis, indem ich mich mehr und mehr getraut habe, Ich zu sein.

Du hast selber in Deiner Zeit viele junge Kolleginnen und Kollegen in der Zeit ihrer Ausbildung begleitet und bist zudem selbst ausgebildeter Praxisbegleiter: Was würdest Du den jungen Kolleginnen und Kollegen heute mit auf dem Weg geben wollen?

Versuche eine ganz persönliche Beziehung zu Jesus Christus aufzubauen, er weiß um dich, und mach ihn dir zum Vorbild für deine gesamte Lebensgestaltung.

Gerade in der Klinikseelsorge hast Du ja täglich mit der ganzen Tiefe des menschlichen Lebens zu tun: Wie gingst Du mit diesem Anspruch und den Anforderungen an Dich als Person und Seelsorger um?

Die ersten Jahre als Klinikseelsorger waren sehr hart für mich, da ich unbewusst Allmachtsphantasien hegte derart, die Menschen vor dem Tod oder Leid retten zu müssen. Aber das ist natürlich eine komplette Überforderung. In pastoralpsychologischen Fortbildungen sowie meiner Ausbildung zum geistlichen Begleiter lernte ich schließlich, dass wir als Seelsorger gar nicht mehr tun müssen als wie im Bild des Emmaus-Geschehens trefflich beschrieben: mit den Menschen mitgehen, nachfragen, schweigen und aushalten.

Ich habe Dich als Menschen kennenlernen dürfen, dem Musik sehr wichtig ist und der selbst eine musikalische Ader hat. Warum denkst Du, berührt Musik die Menschen so besonders, und hatte das für Dich auch Konsequenzen in Deinem Agieren als Seelsorger?

Ich glaube, Musik begleitet uns Menschen durch unser ganzes Leben, schon von Anfang an. Neueste Ergebnisse der Säuglingsforschung belegen, dass sich bereits Mutter und Kind über musikalische Ausdrucksformen verständigen. Man kann also über Musik die frühesten Bewusstseinsschichten eines Menschen erreichen. Nun bin ich kein Musik-Therapeut. Aber das Thema Musik war für mich in Gesprächen mit Patienten immer ein Anknüpfungspunkt, zumal wir über Musik ja auch unsere Gefühlswelt ausdrücken, und wenn es möglich war, habe ich dem Patienten eine Gitarre zum freien Spiel überlassen oder ihm den Zugang zu einem Klavier im Haus ermöglicht.

Wir erleben zur Zeit durch die Corona-Krise einen radikalen Wandel: Wie hat sich durch Corona für Dich in der Klinikseelsorge Dein Alltag verändert?

Die Veränderungen waren enorm: Ging ich früher völlig angstfrei ins Patientenzimmer, so muss ich mich heute um die Infektionsgefahr des Patienten, meine eigene Gesundheit sowie die meiner Angehörigen sorgen. Derzeit ist Seelsorge nur noch mit Mundschutz und Mindestabstand möglich, wie sehr aber sehnen sich viele ältere Menschen nach Nähe, vielleicht sogar einer zärtlichen Berührung!

Was ist für Dich in all Deinen Jahren in Deinem Dienst unverzichtbar geworden?

Zum einen das regelmäßige Gebet morgens, in welchem ich alles Anstehende nochmals überdenken und um göttliche Hilfe bitten konnte, zudem der regelmäßige Austausch mit meiner Frau bzw. meinen KollegInnen. Dienstgespräche sollten immer auch persönliche Wertschätzung beinhalten!

Wie verbringst du am liebsten Deinen Abend nach einem harten Arbeitstag?

Am liebsten im Austausch mit meiner Frau bei einem Bier oder Glas Wein, beim Lesen oder einem guten gemeinsamen Krimi!

Was war für Dich das schönste an Deinem Job?

Das tägliche Kennenlernen neuer Menschen und ihnen Weggefährte sein zu dürfen.

Gibt es einen theologischen Ideengeber, der für Dein pastorales Denken und Handeln wichtig geworden ist?

Ja, ich war viele Jahre in geistlicher Begleitung bei Prof. Dr. Karl Frielingsdorf SJ +, der mir auch ganz viel supervisorisches Handwerkszeug vermittelte.

Von welch einer Kirche in Deutschland träumst Du?

Vor allem von einer angstfreien Kirche! Sind wir nicht alle getrieben von der Angst, nicht mehr geliebt oder akzeptiert zu werden? Und entsprechend verbarrikadieren wir uns hinter Masken, bewehren uns mit Regeln und Vorschriften und schmücken uns mit Titeln! Jesus fragt zu Recht seine Jünger: Warum habt ihr solche Angst?

Wenn Du auf die Zeit schaust, die vor dir liegt, auf was freust Du dich gerade am meisten?

Alles das umzusetzen, was ich mir bisher zu wenig gegönnt oder gar verwehrt habe: Mein Klavierspiel verbessern, Italienisch lernen, meinen Garten kultivieren.

Welche Orte möchtest Du jetzt - wenn es die Ausgangslage wieder ermöglicht - entweder ganz neu oder wieder entdecken?

Ich möchte mal wieder eine Auszeit nehmen und den Pilgerweg nach Santiago de Compostella laufen.

Danke Konrad, dass Du Dir für unsere Fragen Zeit genommen hast. Einen Kaffee trinken wir noch zusammen. Wir wünschen Dir an dieser Stelle ein gutes Ankommen in der passiven Phase deiner Altersteilzeit mit all dem, was Du Dir vorgenommen hast, aber auch mit hoffentlich vielen schönen überraschenden Momenten. Danke für Deinen Dienst all die Jahre hindurch, Deine Expertise und Weggefährtenschaft!


Alles Gute, lieber Konrad!

Die Fragen zum Interview stellte Pastoralreferent Oliver Henkel Ende April 2020.

 

Hier gehts zu den vorherigen Folgen 'Auf einen Kaffee mit...'

Folge 1: Mit Gemeindereferentin Anne Göbel aus dem Freigericht.

Photo by karl chor on Unsplash

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